Silberne Schar

News from 12.11.2019

12.11.2019

Die grünen Blätter der Bäume hatten sich schon lange bunt gefärbt und fielen zahlreich von ihren Ästen. Das kleine Waldstück nahe der freien Stadt Askalon begann schon kahl zu werden. Am Rande des Wäldchens hockte eine kleine Gestalt. Der starke Regen der letzten Tage hatte den Boden so sehr aufgeweicht, dass Nissa im Schlamm der Wiese kniete. Doch das kümmerte sie kaum. Dreck und Schmutz konnte man zu dieser Jahreszeit ohnehin nicht entgehen. Sie wollte beten. Nachdenken. Alleine sein. Der silberne Drachenanhänger lag vor ihr auf einem noch recht frischen Baumstumpf. „Myria, du größte der Gottdrachen. Breite deine silbernen Schwingen über meinen Kameraden aus. Hilf ihnen, in Selbion zu überleben und lass sie alle unbeschadet bleiben. Schütze die Schar, oh Silberne!“, betete die junge Heilerin leise. Das Gebet an die Gottdrachen kam ihr noch sehr schwer über die Lippen. So gewohnt war das Wort an den Gott ihrer Heimat Zeit ihres Lebens gewesen. Doch nun, da sie wusste, dass Magie in ihr wohnte, konnte sie sich nicht mehr an ihn wenden. Myria hatte ihr das Geschenk dieser Begabung verliehen, ihr gezeigt, was in ihr schlummerte. Das Gebet an sie war zwar noch ungewohnt, doch die Silberne hatte sie schon in Selbion geschützt. Und sie nahm sich ihrer an, ganz im Gegensatz zum Gott ihrer Eltern.
Seufzend stand Nissa auf und richtete ihren Blick gen Askalon. Sellion hatte ihr mehr als einmal ausdrücklich verboten, nach Selbion zurückzukehren. Aber es konnte doch nicht richtig sein, die Anderen im Stich zu lassen, noch dazu in einem Land, das dem Untergang geweiht war. Der Maester hatte mit ihr diskutiert, sich Zeit genommen und ihr erklärt, warum er sie nicht gehen lassen wollte und warum er so unerbittlich blieb. Sie konnte verstehen, dass er die Verantwortung für sie alle hier trug und dass eine Rückkehr viel zu gefährlich war, vor allem für die junge Heilerin selbst. Sellion hatte Recht, ihr Wunsch war nur von Gefühlen geleitet. Im Nachhinein betrachtet: Er hatte sie davor bewahrt, sehenden Auges in den Tod zu gehen. Denn einen simplen Befehl hätte Nissa sicher nicht befolgt und wäre trotzdem gegangen. Aber so hatte sich die Anwärterin gefügt und widerwillig das Thema gewechselt.
Fröstelnd zog sie ihren Mantel enger um sich. Die Ungewissheit war es, die sie quälte. Aber diese musste sie wohl noch so lange aushalten, wie Sellion es für richtig hielt. Ein kalter Wind zog auf. Die junge Heilerin nahm den Anhänger von seinem Platz und machte sich auf den Rückweg in ihr Gasthaus.

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